Tuesday, March 21, 2017

Stiefmutter einer Prota

Nach all den Jahren, die ich Romane veröffentlicht und geschrieben und (noch) nicht veröffentlicht habe, muss ich etwas beichten: Was ist, wenn sich ein Buch sehr gut verkauft, die Leser es lieben, aber man selbst keine Wärme für seine Prota empfindet?

"Schwalben" ist der Liebling meiner Leser. Über 300 Seiten spannt sich die deutsch-estnische Beziehungsgeschichte durch den 2. Weltkrieg und die sowjetische Besatzung samt Stalinismus. Mitten drin stets Kalju und Fee. Kalju ist Este und liebt die Deutsche Fee, doch sie stammt aus der Oberschicht und lebt im Gutshaus, während er eines der schmucken Holzhäuser am Meer bewohnt. Estland ist ein wunderschönes Land mit viel Licht und Landschaften, die als beste Kulissen taugen. 

Aber Fee ist mir immer fremd geblieben. Ich hatte nie etwas übrig für Herrenhäuser, eher habe ich ein Herz fürs Gesinde. Ich hatte auch nie viel für Aristokraten und Oligarchen übrig. Das ist nicht meine Welt. Mein Schweiß und mein Blut stecken in Arbeiterkindern wie Hester Simmons und Gesa Steenborg. Dort, wo die Tradition des Kohlestaubs zwischen den Wänden eines schmalen englischen Reihenhauses lebt und wo sozialdemokratische Hausheilige in Hamburgs Arbeitervierteln hängen, fühle ich mich beheimatet, denn diese Welt kenne ich.

Wie geht man mit diesem Dilemma um? Wie kann man einer ungeliebten Prota Leben einhauchen? Und wie kriegt man die Kurve der Glaubwürdigkeit? 

Als 2012 der 2. Teil von "Himmel, Erde, Schnee" erschien, war mir klar, dass ich trotz des Wunsches einiger Leser keinen 3. Teil mehr schreiben würde. Zur Erinnerung: "Himmel, Erde, Schnee" handelt von der Unabhängigkeitsbewegung in Estland während der 1980er Jahre. Mitten drin Lagle, ebenfalls von der Maloche im realen Sozialismus geprägt, zu der sie jeden Morgen mit anderen, schweigenden Malochern den Vorstadtzug nach Tallinn nimmt (in der überarbeiteten 2. Auflage). "Schwalben" sollte die Trilogie abschließen und an die gemeinsame Geschichte der Deutschbalten und der Esten anknüpfen. Darum auch die Konstellation Fee als Gutsherrentochter, Kalju in seinem Holzhaus. 

Ich würde lügen, wenn ich behaupte, das Schreiben dieses Romans hätte mir keinen Spaß gemacht. Es gab Tage, an denen habe ich vier, fünf Seiten am Stück geschrieben. Wahr ist: Fee setzt sich über alle Standesunterschiede hinweg, doch der Ausbruch des 2. Weltkriegs zerreißt ihre und Kaljus Zukunftspläne jäh. Er kämpft von Finnland aus gegen die Rote Armee, während mit der Umsiedlung von Fees Familie nach Berlin und ihren Einsatz als Lazarettschwester in Frankreich ihre Odyssee durch Europa beginnt. So unwahrscheinlich ein Wiedersehen mit Kalju und das Weiterleben ihres gemeinsamen Traums ist, setzt sie dennoch beharrlich alles daran, ein scheinbar besiegeltes Schicksal zu ändern. Mir persönlich ginge das zu weit, aber es ist nur ein Roman.

Wegen des Erfolgs dieses Buchs und der Liebe der Leser fühle ich mich ein bisschen wie die Stiefmutter der eigenen Prota. Doch so etwas soll vorkommen und vielleicht geht es anderen Autoten genauso wie mir? 



Friday, February 24, 2017

Die Abgründe des mehr Scheins als Seins: Rezension zu "Lesereise in den Tod" von Jürgen Schmidt

Auf Jürgen Schmidts neuen Roman, übrigens seinen ersten Krimi, habe ich mich seit längerem gefreut. Im Januar erschien "Lesereise in den Tod" in der Edition Oberkassel und gibt der Realität entnommene Einblicke in die Selfpublisherszene und ihre Akteure.

Mona de la Mare, eitel, mit den überschwänglichen Lobhudeleien ihrer Blogger- und Fancommunity auf Facebook kokettierend, begibt sich mit ihrem Roman "Passwort Hurensohn" auf Lesereise. An einem Aschermittwoch stellt sie in einer Bücherei in Bad Münstereifel besagten Roman vor, danach isst sie zu Abend und begegnet ein wenig später ihrem Mörder. Zwei Wochen, nachdem Mona de la Mare erstochen aus der Erft geborgen wird, wendet sich ihr Vater, der Arzt Herbert Töpfer an den Privatdetektiv Andreas Mücke.  

Mit Andreas Mücke lernen wir einen angenehmen Vertreter seines Berufs kennen, keinen Soziopathen wie in den meisten Krimis, sondern einen zweimal geschiedenen Vater zweier Kinder in unterschiedlichen Entwicklungsstadien mit einem etwas chaotischen Privatleben. Mit Jessica, genannt Jess, würde er gerne eine engere Beziehung führen, doch sie bleibt auf Distanz und eröffnet ihm, während er den ersten gemeinsamen Urlaub mit ihr plant, dass sie mit einer Freundin zum Wandern nach Marokko reist. 

Trotz des schwierigen Beziehungslebens verfolgt Mücke hartnäckig den Fall, nimmt die Spuren hoher Geldbeträge auf, die an Mona gezahlt wurden, und sucht auch in ihrem unveröffentlichten Manuskript "Der Fratzenseher" nach Anhaltspunkten. Auch den Weg zu ihrem Ex, dem verpeilten, wie heruntergekommenen Musiker A.C. Stone in Krefeld, sowie zu einem der zahlreichen Liebhaber Monas nimmt Mücke auf sich. Zu den Personen, die Mücke im Verdacht hat, zählt ihr früherer Mentor, Jens Kulik. Schließlich hätte er Mona, die sich als Urenkelin des britischen Schriftstellers Walter de la Mare ausgab, gerne als ernsthafte Autorin aufgebaut, denn phantasievoll sei sie ja gewesen ...

Überraschend, aber sehr überzeugend baute Jürgen Schmidt einzelne Kapitel aus der Sichtweise eines Psychopathen auf Kreuzfahrt durch Skandinavien ein. Stimmen führen ihn, Stimmen befehlen ihm, er sieht Fratzen und kann nicht anders. Diese Kapitel fand ich sehr eindrucksvoll geschrieben. Findet sich ein Hinweis auf den Täter in Monas Manuskript? Wollte er gar die Veröffentlichung verhindern? Wir dürfen mitraten.

Ein weiterer Pluspunkt dieses Krimis ist der tiefe Einblick in die Selfpublisher-Szene. Anspruchslose Romane werden zu Lieblingen des Facebook-Klientels, außerhalb der Communities sind die Namen ihrer Autorinnen und Autoren aber unbekannt. Es geht um Klicks, Likes, Rankings und die Liebe der Fans als Bestätigung des Egos, nicht um Qualität und Authentizität als Person.

Zum Schreibstil: Er ist sehr flüssig und knapp, dadurch liest sich das Buch auch sehr schnell. Trotzdem nimmt der Leser viele wichtige Hinweise aus Dialogen und den Eindrücken Mückes auf. Ich mag die teilweise ruppige, derbe Sprache des Detektivs. Ich mag diesen Mücke und seine Familie und hoffe, bald wieder von ihnen zu lesen.  

 

Wednesday, February 15, 2017

Blogtour starke Frauen - Zuerst geächtet, dann gefürchtet: "Madame Mao" Jiang Qing





Anchee Mins biografischer Roman „Madame Mao“ zählt zu meinen Lieblingen im Bücherregal. Einmal begonnen, konnte ich dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen. Zum einen sind es der geschichtliche Hintergrund und das Land China, die mich interessierten, beginnend vom feudalen Kaiserreich, zum kolonialisierten und im 2. Weltkrieg von den Japanern besetzten Land und schließlich hin zu Mao Tsetungs kommunistischer Revolution mit ihren ehrgeizigen Zielen (heute ist die Volksrepublik China Supermacht Nummer Zwei). Dann war es das Schicksal und das Leben der Jiang Qing, Maos Ehefrau, über das ich bereits gelesen hatte, und mit diesem Roman konnte ich ihr Handeln nachvollziehen.

Thema unserer Blogreihe lautet „starke Frauen“. Nicht immer stehen die Protagonistinnen auf der strahlenden, vermeintlich guten Seite und gehen am Ende als tugendhafte Meisterinnen ihrer bewältigten Aufgaben hervor. Sie müssen auch keine Sympathieträgerinnen sein. Beeindruckender sind vielmehr die gesellschaftlichen Bedingungen und ihre Lebensumstände, die ihr Handeln prägen.

Im China zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Frauen keinen großen Stellenwert. Yunhe, so der eigentliche Name der späteren Madame Mao, wird als Tochter einer Konkubine geboren. Sie erfährt, wie ihre Mutter vom betrunkenen Vater misshandelt wird und ihr werden selbst als junges Mädchen die Füße zu „Lotusfüßen“ gebunden. Eine schmerzhafte Prozedur – Yunhe widersetzt sich und nimmt die Verbände ab. Doch die Wertlosigkeit als Frau, die ihr der Vater suggeriert, nährt ihren Widerstand und auch die Unversöhnlichkeit, die sie später berüchtigt machen soll. Als die Mutter den Vater verlässt, erziehen die Großeltern das Mädchen. Die Mutter soll sie nie wiedersehen.

Yunhe schließt sich einer Theatergruppe an, wird aber zurück zu den Großeltern gebracht und muss einen Mann heiraten, den sie nicht kennt. Bald verlässt sie ihn, um sich erneut einer Schauspieltruppe anzuschließen. Mit dem im Untergrund agierenden Sekretär der Kommunistischen Partei, Yu Quiwei, lernt sie ihren zweiten Ehemann kennen. Doch auch diese Ehe hält nicht lange und Yunhe versucht ihr Glück als Schauspielerin in Shanghai, einer schon damals mondänen Metropole. Dort wechselt sie auch ihren Namen in Lan Ping und schafft es zu einer gewissen Berühmtheit. Doch ihre Sympathien und ihr Engagement für den Kommunismus bringt sie für kurze Zeit ins Gefängnis. Für einen Schauspielkollegen hegt sie Gefühle, doch er weist sie ab. Sie heiratet ein drittes Mal, den Bohemien Tang Na. Auch er scheint ihr nicht das zu geben, was sie sich wünscht.

Die Legende von Mao Tsetung, der von der unwirtlichen und armen Provinz Shaanxi aus seinen Partisanenkrieg gegen die Regierung von Chiang Kaishek (der spätere Gründer der Republik Taiwan) führt, dringt zu Lan Ping durch und 1937 gibt sie die Schauspielerei auf, um sich seiner Roten Armee anzuschließen. Sie studiert Maos Gedichte, hört seinen Reden zu und gewinnt seine Aufmerksamkeit und auch seine Liebe. Doch er ist noch mit Zizhen verheiratet, die sich als Partisanin in die Sowjetunion abgesetzt hat, und es gibt mit der Intellektuellen Fairlynn eine weitere Rivalin. In wilder Ehe leben Lan Ping und Mao Tsetung in dessen Höhle zusammen. Das Politbüro muss der Scheidung und eine erneute Heirat zustimmen. Aus Lan Ping wird Madame Mao Jiang Qing, was übersetzt „Grüner Fluss“ bedeutet. Sie glaubt, endlich auch eine Rolle im politischen Leben zu spielen.
Mit dem Ende des 2. Weltkriegs in Asien befindet sich auch die Rote Armee auf dem Vormarsch durch China. 1948 übernimmt Mao in Peking die Macht. Aber Jiang Qing bleibt eingesperrt in der Verbotenen Stadt, muss mitansehen, wie er eine Beziehung mit Fairlynn führt. Sie wird nicht die Einzige bleiben und Jiang Qing leidet an schweren Depressionen. Nicht minder demütigend ist für sie in den Jahren der Einsamkeit, dass nicht sie als Chinas First Lady gilt, sondern die Frau des Premierministers Wang Guangmei. Verbitterung und Rachsucht beherrschen sie, und auch die schlimmsten Wünsche, die sie für Mao hegt. Der propagiert derweil den „Langen Marsch“, die Kollektivierung und Verstaatlichung. Dürren und Überschwemmungen fordern zudem Millionen von Menschenleben, genauso wie Deportationen und Hinrichtungen.

Der „Lange Marsch“ droht zu scheitern, Mao ist von der Angst getrieben, abgesetzt zu werden und bittet seine Frau um Hilfe. Jiang Qing zögert nicht lange. Sie setzt auf die Jugend des Landes und 1966 beginnt die „Kulturrevolution“, deren Auswirkungen noch heute in der chinesischen Gesellschaft zu spüren sind. Klöster und Tempel werden zerstört, Kulturgüter vernichtet, Denunziationen in den eigenen Familien sind keine Seltenheit. Für Jiang Qing bedeutet die Kulturrevolution der persönliche Rachezug gegen Liebhaber, die sie einst verschmäht hatten, gegen Fairlynn und Wang Guangmei. „Schulden muss man eintreiben“, so ihre Lebensmaxime. 

Inzwischen ist Mao Tsedung schwer krank. Jiang Qing strebt danach, seine Nachfolgerin zu werden und schließt sich mit drei weiteren Politbüromitgliedern zusammen. Nach dem Tod des Vorsitzenden entbrennt in Peking der Machtkampf. Als Verbündete geglaubte Politbüromitglieder verleugnen Jiang Qing. Schließlich wird sie mit der „Viererbande“ verhaftet und zu Tode verurteilt. Die Todesurteile werden jedoch nie vollstreckt. Als Gefangene muss Jiang Qing für den Export bestimmte Puppenkleider nähen – und bestickt Säume mit ihrem Namen. „Wo werden sie landen? In der vergessenen Spielzeugkiste eines Kindes? Auf einem Fensterbrett?“
Am 14. Juni 1991 begent Jiang Qing in ihrer Gefängniszelle Selbstmord.

Ich hatte bereits vor 20 Jahren den autobiographischen Roman „Die rote Azalee“ von Anchee Min gelesen, der während der Kulturrevolution spielt. Da mir die Autorin durch ihren eindringlichen, wie auch beinahe schon poetischen Schreibstil angenehm in Erinnerung blieb, kaufte ich mir auch „Madame Mao“. Genau mit diesem Schreibstil verschaffte sie Nähe und tiefe Einblicke in die Seele Jiang Qings. Anchee Min erzählt aus zwei Perspektiven. Einmal dokumentarisch aus der 3. Person, dann überlässt sie über Passagen hinweg Jiang Qing als Ich-Erzählerin den Raum, was ich sehr beeindruckend finde, weil es ihr gelungen ist. Trotzdem beschönigt oder entschuldigt sie nichts, was später in ihrem Namen geschah, und manchmal schauderte mir sogar bei so viel Rachsucht, die schon an Besessenheit grenzte. Aber ich empfand auch tiefes Mitgefühl, denn nicht einmal im prächtigsten Palast ist das Leben schön, wenn die Einsamkeit und die Verachtung des eigenen Ehemanns die Begleiter sind.

Für Geschichtsinteressierte und Liebhaber anspruchsvoller Romane, sowie komplexer Figuren ist „Madame Mao“ eine Empfehlung wert.  

Tuesday, February 14, 2017

Blogtour "starke Frauen in der Literatur" - Gastbeitrag Sabine Ibing: Rezension "Miss Terry" von Liza Cody





Der erste Satz: »Könnten wir Nita Theri beim Schlafen zusehen, wir bekämen vermutlich einen ganz falschen Eindruck.«



Nita Theri, in England geboren, Britin, Tochter pakistanischer Einwanderer, hat sich in London, unweit vom Fluss, eine Eigentumswohnung gekauft. Sie arbeitet als Lehrerin. Später erfährt man, sie hat ihrem Vater ein Geschäft verpatzt, denn der wollte sie meistbietend an einen älteren Mann nach Pakistan verheiraten. Nita wollte weder ihr Studium abbrechen noch einen älteren Mann heiraten. Sie ist abgehauen, muss sich verstecken, denn wehe, ihr Vater und die anderen Männer der Familie erwischen sie ... Heimlich telefoniert ihre jüngere Schwester mit ihr, die sich nämlich nicht gewehrt hat, die das Studium abbrach, im fremden Ausland bei einem ungeliebten Mann lebt. Nita muss sparsam sein, die Raten für die Wohnung und die Rückzahlung des Studiendarlehns drücken. Sie geht nicht viel aus, hat wenig soziale Kontakte. Liza Cody hat diesen Krimi aus der personalen Ebene geschrieben. Nicht in der Ich-Form, sondern als Leser blicken wir auf Nita, erleben, was sie erlebt und sehen nur das, was Nita von der Welt sieht.



Doch nun von Anfang an: Vor dem Haus gegenüber steht ein Container, es wird renoviert. Nita ärgert sich, denn die Nachbarn entsorgen ihren Müll, ihre Tannenbäume und vieles mehr zwischen dem Bauschutt. Und plötzlich klingelt die Polizei bei Nita, stellt komische Fragen. Man fragt, mit wem sie schläft und mit wie vielen. Was passiert sei, fragt Nita, worum es gehe. Nur ein paar Fragen. Man hält sich bedeckt. Andere Nachbarn werden nicht ausgequetscht. Was geht vor? Man verlangt sogar eine DNA-Probe von Nita. Sie bittet die Polizisten, zu gehen.



»›Sie sprechen verdammt gut Englisch‹, sagte Reed in einem Ton, der versöhnlich klingen sollte. - ›Ich bin Engländerin.‹ Nita war so wütend, dass sie fast stotterte. ›Und sie beide gehen jetzt bitte.‹«



Immer wieder diese Frage! Nita versteht es nicht. Die Polizisten gehen nicht, bitten sie sogar, einen Tee zu kochen, amüsieren sich, wie sie die Kanne vorwärmt. Man kann die Polizei nicht rausschmeißen, nicht mit dieser Hautfarbe. Aber man muss sich auch nicht alles gefallen lassen. Nita informiert sich, ob sie ohne Begründung ihre DNA abgeben muss. Auf Seite 81 erfahren wir endlich gemeinsam mit Nita, was passiert ist. In dem Container wurde ein toter Säugling gefunden.



»›... Ein kleines Mädchen, höchstens ein paar Tage alt, wobei wir noch auf den gerichtsmedizinischen Befund warten, um ganz sicher zu sein. Und genau, wie sie bereits vermutet haben, war das Baby multi-ethnischer Abstammung.‹ - ›Welche Ethnien?‹ - Sergeant Cutler schaute unbehaglich drein. - ›Sie wissen es nicht, nicht wahr?‹ Nita empfand etwas wie Genugtuung. ›Und daraufhin haben sie sich auf die einzige farbige Frau in der Guscott Road gestürzt. ...«







Für Nita bricht nun eine Welt zusammen. Anwohner behaupten, sie wäre schwanger gewesen. Eine Nachbarin hält zu Nita und klärt sie auf, welche Gerüchte herumgehen.



»Die Nuttige behauptet, Sie hätten einen Braten in der Röhre gehabt, als Sie hierher zogen. Die Hochnäsige erklärt, Sie wären illegal eingewandert, und der bekloppte Idiot da überm Frauenhaus krakeelt, Sie wären eine arabische Bombenlegerin. Ich hab gesagt, Sie sind nicht der Typ für so was, aber die verflixten Cops meinten, das wäre generell keine Frage des Typs, und wir müssten heutzutage alle die Augen offen halten, immer und überall.«



Hass gegen die Dunkelhäutige springt Nita nun entgegen. Auch an der Schule wird sie vom Direktor zum Gespräch geladen. Umschläge mit merkwürdigen Dingen landen in ihrem Briefkasten. Da tritt Privatermittler Zach in ihr Leben. Der kennt sich mit polizeilichen Ermittlungen aus. Sein Honorar frisst Nitas Notgroschen auf. Eine Boshaftigkeit nach der anderen stellen ihr Leben auf den Kopf. Wird Zach sie vor der Polizei schützen können, herausfinden, wer Nita bedroht? Wird die Zeitung ihren Namen schreiben und die Familie ihr auf die Spur kommen?



»WAS NU BRAUNE KUH«, so ist das Päckchen beschriftet, das vor Nitas Haustür liegt.



Nita kocht gern scharfe Gerichte. Genauso scharf sieht Lisa Cody hin und wir erfassen gemeinsam mit Nita eine Welt voll Ausgrenzung und Vorurteil. Nita Theri erklärt mehrfach, wie man ihren Namen ausspricht. Ignorant wird sie von den Polizisten weiter Miss Terry genannt (schnell gesprochen landen wir bei mystery), man ignoriert ihre Fragen, ihre Aufforderungen, mach sich in ihrer Gegenwart lustig über sie. Sie ist Britin, auch das wird nicht wahrgenommen, sie ist die Dunkelhäutige. Dieser Roman, Krimi ist fast die falsche Bezeichnung für diese gute Geschichte, ist spannend, besitzt britischen Humor und natürlich ist diese Geschichte ein Drama. Nita wächst dem Leser ans Herz, man würde sie gern beschützen, die zarte Frau, einmal naiv und wehrlos, dann wieder durchsetzungsstark, überlegt. Immer wenn man meint, Nita hätte genug gelitten, setzt uns Liza Cody eins oben drauf. Die Geschichte ist hinterhältig. Aber trotz allem hat man nie das Gefühl, ins Dunkel gezogen zu werden, denn Nita gibt nie auf und immer wieder leuchtet ein Stern am Firmament. Eine Geschichte gegen Rassismus, denn nur weil man den »richtigen« Pass besitzt, gehört man noch lange nicht dazu. Nita hängt zwischen den Welten. Die englische Welt lässt sich nicht ganz herein und die Welt, von der sie sich getrennt hat, lässt sie nicht ganz gehen. Als sie ihre Familie verließ, wusste sie, es gibt keine Rückkehr. Heimlich hält sie Kontakt mit einer Schwester, hofft, ihr jüngerer Bruder sei in dieser Welt angekommen, würde ihr nicht nach dem Leben trachten wie der Vater und der Onkel. Ihre Gedanken schweifen immer zurück zur Familie, Gedanken der Liebe an die einen, die der Angst vor den anderen. Wo ist Nita zu Hause? Die Geschichte zeigt nicht nur die seelische Zerrissenheit von Nita, sondern gelernte Verhaltensmuster aus der Kindheit tauchen auf: Furcht vor der Obrigkeit, sich ducken, unsichtbar machen, um bloß nicht unangenehm aufzufallen, freundlich zu sein, sich Männern zu fügen. Nita setzt die Polizisten nicht vor die Tür, empört sich nicht, als der Direktor sie freistellt. Sie lässt sich alles gefallen ... nicht ganz. Es gibt Solidarität, auch wenn du gar nicht mehr damit rechnest. Ein wundervolles Buch. Zu Recht erhielt Liza Cody in diesem Jahr den »Deutschen Krimipreis« für dieses Buch und 2015 für den Obdachlosen-Krimi „Lady Bag“.



Deutscher Krimi Preis 2017
Platz 4 der KrimiBestenliste, Februar 2017.
Platz 2 der KrimiBestenliste, Januar 2017.
Platz 4 der KrimiZEIT-Bestenliste: die besten Krimis des Jahres 2016.
Platz 1 der KrimiZEIT-Bestenliste, Dezember 2016.







Frauenbild in der Literatur heute - Literatur prägt das Bewusstsein.

Von Sabine Ibing



Ich erinnere mich an ein Seminar in meinem Studium, in dem wir Gesellschaftsbilder an Hand von Bilderbüchern und Schulbüchern analysierten. Schon im Mathebuch kann man an Textaufgaben die Unterschiede sehen:

Mutter backt Kekse ... Vater recht Laub ...  (60ger)

Michaela und Ayshe spielen Murmeln (80er) ...

Baggerführerin Ella braucht 3 Stunden um (DDR) ...



Ich will nun keinen Literaturrückblick auf die Geschichte geben, vielleicht noch erwähnen, dass viele Frauen bis in die 80er Krimis unter männlichem Pseudonym schrieben, weil man behauptete, Frauen können keine Krimis schreiben. Doch wenn ich mir die heutige Literatur ansehe, stelle ich fest, dass die Welt für Frauen nicht größer wird, wir derzeit sogar einen Rückschritt starten. Wo sind denn die Wissenschaftlerinnen und Forscherinnen in unseren Büchern? Wo sind Managerinnen und taffe Figuren, Frauen, die sich ihren Weg bahnen? Wo sind die Schicksale von Frauen, die in die Ecke gedrängt werden? Studium, Kindererziehung, keine Chance für beruflichen Einstieg bei der Rückkehr in den Job, Pflege der Alten, Job nebenbei, während der Mann Karriere macht. Nach der Scheidung hat er eine gute Rente, sie lebt am Sozialhilfeniveau, weil sie zu wenig eingezahlt hat. Es sind reale Geschichten. Das will aber keiner lesen?



Verdrängung der Realität. Liebesromane, historische Liebesgeschichten, Fantasyliebesromane, Chicklit, Hauptsache Romantik, verklärte Welt, süße Badboys, die Frauen verarschen; dürfen sie, sind doch süße Badboys ... Wollen wir das wirklich lesen?



In meiner Kindheit war unser Vorbild »Heidi« aus den Bergen, die eine Züricher Familie aufmischte und » Die rote Zora und ihre Bande«. Bei der Generation meiner Tochter war es die freche »Biene Maja«, »Pipi Langstrumpf«, »Momo«, »Lara Craft«. Schaut man heute in die Kinderzimmer, ist alles rosa, »Prinzessin Lilifee«, »Barbie«, passend dazu Lernsoftware, Computerspiele, Heftchen. Die Ansammlung von Lippenstift, Lidschatten und Nagellack bei Mädchen unter 10 überschreitet wahrscheinlich das, was ich bis zum Lebensende zusammensammeln werde. Da wundert man sich nicht, wenn auch die Frauenliteratur voller schmachtender Barbies steckt. Immer wieder hört man von Autorinnen, dass ihre Manuskripte abgelehnt werden, wenn sie nicht ins Schema passen: Handwerkerinnen, Agentinnen die sich mittels Kampfsport zu wehren wissen (selbst James Bond bekommt seit Jahren eine gleichberechtigte Partnerin beiseitegestellt), unsympathische Frauenfiguren, Frauen, die andere abzocken ...



Es wird sogar an der Kleidung von Protagonistinnen gemäkelt, sie seien nicht feminin genug, müssen umgeschrieben werden. Da Schriftstellerinnen nun mal von irgendwas leben müssen, sind sie oft genug bereit, sich anzupassen, ungern. Mittlerweile geben Verlage auch mal Vorgaben, was zu schreiben wäre, wie die Figuren auszusehen hätten ... Beliebt ist auch die Taschentuch-Literatur, Autobiografien über Krankheit und Tod und Autobiografisches, Ratgeber, die anleiten, wie man seine Speckrollen loswerden kann, Models, Schauspielerinnen, die Frau erklären, wie man »hübsch« aussehen kann. In Frauenzeitschriften findest du auf den ersten Seiten Diättipps, wir du 20 kg verlieren kannst. Und auf den letzten Seiten präsentieren sie dir leckere Menüs und Kuchen, schwerwiegende Rezepte …  Seit ich lesen kann, beobachte ich dieses Phänomen in Frauenzeitschriften. Frauen, warum lasst ihr euch das gefallen? Solche Magazine braucht die Welt nicht!



Gibt es in der Literatur noch Heldinnen wie Lara Craft? Gibt es taffe Frauen, Wissenschaftlerinnen, Forscherinnen? Gibt es Gesellschaftsliteratur über die täglichen Heldinnen? Es gibt sie, man muss sie heutzutage leider suchen und man muss sich darauf einlassen. Je mehr Literatur über starke Frauencharaktere gelesen wird, umso mehr wird sie auch gedruckt werden. Die Verlage bringen das heraus, von dem sie meinen, sie könnten es verkaufen … Liebe Verleger*innen, seid mutig! Bringt Bücher heraus, die nicht rund sind, nicht dem angeblichen Mainstream entsprechen. Leider kommen viele gute Bücher aus dem Ausland, es sind Übersetzungen. Denn ähnliche Bücher von deutschen Schriftstellern*innen werden von euch abgelehnt … läuft nicht … Seid mutig, die Leser*innen werden es euch danken.