Friday, August 19, 2016

Eine spannende und tiefgründige Kombination aus Science Fiction und Gesellschaftskritik: Rezension zu Alkatar

Facebook-Posts haben ihr Gutes: Ich bin auf die Einladung zu einer Leserunde der Autorin Anja Fahrner zu ihrem Science-Fiction Roman "Alkatar" aufmerksam geworden und habe mich beworben. Warum für dieses Buch? 
Die Inhaltsangabe verrät bereits, dass die Menschen im Jahr 2030, also in einer nicht ganz fernen Zukunft, die Erde an den Rand einer Katastrophe gebracht haben. Außerhalb unseres Sonnensystems ist diese Entwicklung nicht unbemerkt geblieben, also starten die Laurasier, entfernte Vorfahren der Menschen, eine Rettungsaktion, indem sie Freiwillige von der Erde für ein Projekt rekrutieren. Diese Menschen sollen auf dem Planeten Zadeg, der der Erde ähnlich ist, im Einklang mit der Natur leben, also von vorne anfangen. Es wird ihnen eine zweite Chance für eine Weiterentwicklung geboten, die Alkatar, der Protagonist, ein laurasischer Heerführer und Telepath, überwachen und begleiten soll. Doch schon bald wird er mit den Abgründen der Spezies Mensch konfrontiert. Als ein intergalaktischer Krieg Zadeg von der Außenwelt abschneidet, setzt sich eine dramatische Entwicklung in Gang ...



Der Roman ist in vier Teile aufgebaut. Im ersten Teil "Sumas" beschreibt Anja Fahrner Alkatars Heimatplaneten Sumas. Dessen Bewohnerinnen und Bewohner sind mit telepathischen Fähigkeiten ausgestattet und es herrscht ein Matriarchat. Auf den ersten Blick scheint das Leben auf Sumas archaisch, denn die Jagd und das Handwerk sind der Lebenserwerb und die Gesellschaft wird von einflussreichen Sippen bestimmt. Männer, die körperlich nicht stark genug sind, um in der Wildnis zu jagen und Kinder - vor allem Töchter als "Senderinnen" und "Koordinatorinnen" - zu zeugen, finden in ihnen keinen Platz. So bleibt ihnen wie dem Schmied Marzellus, Mitglied der Sippe der Magari, die Wahl, Handwerker in der Stadt Ousadap zu werden, oder schlimmer noch, dem schmächtigen Henschel, als Heimatloser auf Almosen zu warten.
Alkatar soll sich nach seiner Initation in Ousadap einer Sippe anschließen, doch im wahrsten Sinne des Wortes verschläft er den Anschluss. Nach einem Überfall Heimatloser wird er von Marzellus aufgepäppelt. Doch Marzellus macht ihm klar, Alkatar muss für ihn in der Schmiede arbeiten. Für den jungen Sumarer, der zum Jäger bestimmt ist, nicht leicht. Zu ungeduldig verrichtet er seine Aufgaben. Es ist auch die Rede vom Interplanetaren Bund, über den Marzellus ähnlich verständnislos schimpft wie bei uns die EU-Verdrossenen. So aber erfährt Alkatar, dass es außerhalb Sumas' noch mehr geben muss. Mit Henschel schließt er eine tiefe Freundschaft und bewegt ihn dazu, sich als Seelsorger beim Interplanetaren Bund zu bewerben. Beim Vorstellungsgespräch bei der Senderin Onida hört Alkatar außerdem, dass es Gleichberechtigung und eine fortschrittliche Gesellschaftsform gibt und wird neugierig.
Doch für Alkatar ist vorerst etwas anderes bestimmt: Er wird von der Sippe der Magari aufgenommen. Dort wird er angesehener Jäger, muss aber auch mit der herrischen Rachil eine Tochter zeugen, während seine Gefühle der sanften Meisha gelten, dessen Sohnes Vater er wird. In der Hierarchie der Sippe aber sind Gefühle und Liebe unerwünscht. Nach einem Jagdunfall verlässt Alkatar die Magari und wird Heerführer beim Interplanetaren Bund.

Der zweite und damit der kürzeste Teil ist der Erde gewidmet. Wenn die derzeitige Entwicklung, öknomisch, politisch und gesellschaftlich so weitergeht, könnte das Szenario, das die Autorin für das Jahr 2030 ansetzt, durchaus realistisch sein. Arbeitslose durchziehen das Land in Gruppen, um nach Essen zu suchen - stellt sich die Frage, ob nicht das kapitalistische System archaischer ist? Nur wer Arbeit und sozialen Status hat, gilt etwas. In Frankreich ist es zu Unfällen in Kernkraftwerken gekommen, die Strahlung hat viele Menschen krank gemacht. Es gibt kaum noch Wälder und mit dem Auto zu fahren, wird aufgrund der knappen Ressourcen unbezahlbar.
In dieser Gegenwart leben die Geschwister Stefa und der Neurobiologe Heinrich, bis sie den Aufruf erhalten, sich als Freiwillige für eine geheime Mission zu melden. Stefa ist eine zurückhaltende, schüchterne und introvertierte junge Frau. Sie flüchtet sich in eine Fantasy-Welt und sucht Trost bei ihrer einzigen Freundin und ihrem Kaninchen. Heinrich ist sehr dominant, nimmt ihr Entscheidungen ab und nennt sie "Stefchen". Die Mutter ist durch die Strahlung schwer krank und der Vater arbeitet schwer, am Feierabend hat er nur noch Interesse daran, sich vom Fernsehprogramm berieseln zu lassen. Stefa leistet ihr freiwilliges soziales Jahr in einem Krankenhaus und lernt bei ihren Patienten Einsamkeit, Krankheiten psychischer und physischer Art als Folge eines Systems kennen, in dem der Mensch nur noch mehr arbeiten muss, um noch mehr konsumieren zu können ...
Schließlich melden sich Stefa, Heinrich und dessen elitäre Freundin, die Chemikerin Ulrike zur Mission.

Bis zum dritten Teil vergehen 70 Jahre im Kälteschlaf, bis die Siedler den erdähnlichen Planeten Zadeg erreichen. Henschel kümmert sich um die Erde und auch fürs Erste um die Neuankömmlinge, während Alkatar ihnen als Wächter zur Seite steht. Die Einwohner Zadegs, die liebenswerten Wallnas, helfen den Menschen, einfache Hütten zu errichten. Ziel ist es, der Menschheit eine zweite Chance und der folgenden Generation die Rückkehr auf die Erde zu ermöglichen, wenn sie lernen, im Einklang mit der Natur und der Überwindung des Klassensystems zu leben. Nur zögerlich schließt Stefa Freundschaften, vor allem mit den Wallnas. Sie verehrt Alkatar und sieht in ihm den Helden ihrer Fantasy-Geschichten. 
Heinrich und Ulrike dagegen nutzen Stefa dazu aus, die Hütte sauber zu halten und zu kochen, während sie - unerlaubterweise - das den Menschen zugewiesene Tal für Expeditionen verlassen. Allmählich beginnen sich die beiden von den anderen Menschen abzuheben, beispielsweise durch ihre Kleidung und andere Abtrünnige gegen Alkatar zu finden. Sie verlassen die Siedlung und errichten eine neue, die sie "Gloria" nennen und jedem, der ihnen folgt, bessere Lebensbedingungen versprechen. Bald aber reicht Heinrich "Gloria" nicht mehr aus. Er und seine Anhänger beziehen die verlassene Festung Malatomb und benehmen sich wie die Herrscher, spielen mit Erbgut und greifen damit in die Schöpfung ein, was Alkatar zu seinem erbitterten Feind macht.
Durch die Freundschaft zu Alkatar verändert sich Stefa und wird mutiger und selbstbewusster. Etwas Besonderes kommt in der schüchternen Außenseiterin zu Tage ...

Im vierten Teil züchtet sich Heinrich eine neue Spezies, die "Simplen", die für ihn und seine Gesellschaft arbeiten sollen. Hier kommt sehr schön die Kritik an den Spielereien mit der Genetik und an einem System herüber, das Abhängige schafft und sie arm hält, damit sie sich nicht auflehnen. Die Zustände, so wie sie 2030 auf der Erde waren, sind unter Heinrich die gleichen, wenn nicht noch schlimmere geworden.
Jetzt gilt es, diese Entwicklung zu beenden, und für Alkatar ist klar, er muss Heinrich und seine Kreaturen beseitigen. In diesem Teil des Buches ist so klar herauszulesen, wie Alkatar der Bruch mit seinen Werten zusetzt, dass sich seine Sinne einschränken und er sich selbst fast aufgibt. Wird das ihm und Stefa gelingen, Heinrichs und Ulrikes Spiel zu beenden?  

Mein Fazit: "Alkatar" ist ein mitreißend und wunderschön geschriebener Roman. Ein großes Lob an Anja Fahrners bildhaften und lebendigen Schreibstil, dem es zu verdanken ist, dass ich das Buch fast in einem Zug durchgelesen habe. "Alkatar" unterscheidet sich aufgrund seiner Tiefgründigkeit und treffenden Kritik von den meisten Werken des Genres. Sätze wie "Die Spezialisierung würde eure Gemeinschaft töten, noch bevor sie wachsen konnte. Sie hat in euren unvollkommenen Gesellschaftssystemen zu einer Zweiklassengesellschaft geführt, zu einer Beschränkung der schöpferischen Kraft durch Zwang zu einseitigen, oft stumpfsinnigen oder sinnlosen Aufgaben bis hin zu einer Verkrüppelung ethischer und moralischer Werte. Hier in Tamyras wird sich keiner über den anderen erheben, weil er sich zu Höherem berufen fühlt. Ihr seid alle gleichgestellt." sind wahre Worte und sollten den einen oder anderen zum Nachdenken anregen.
Als ich das Buch beendet hatte, musste ich, um mit Alkatar zu sprechen, noch einige Zeit lang nachspüren. Aber lest es selbst ...

Saturday, August 6, 2016

Teenage Wasteland - Rezension "Mein GI für einen Sommer"

Es ist heiß im Sommer 1976 und man spricht vom Jahrhundertsommer, als die beiden Freundinnen Marita und Sophie von ihren GIs, Anthony und Rick träumen. Wieder ist der Schauplatz von Paula Dreysers Kurzroman "Mein GI für einen Sommer" das deutsch-amerikanische Millieu in Mainz.

Marita und Sophie sind zwei Teenager aus gutbürgerlichen Familien, in denen "anständige deutsche Freunde" erwünschter sind als amerikanische Soldaten und wo zum Fernsehabend der Käseigel aus Plastik neben der Platte mit Leberwurstschnitten kredenzt wird. Wenn sie sich mit dem Italoamerikaner Anthony und dem Hispano Rick treffen, sie an den Lee Barracks abholen, gilt es, sich nicht von tratschsüchtigen Nachbarinnen erwischen zu lassen. So erleben wir einen Sommerabend in einer Sportgaststätte am Waldrand, wo auch das Flair der 1970er Jahre spür- und erlebbar wird. Oder auch in Eisdielen, die den sehnsuchtsbehafteten Namen "Venezia" tragen. 
Doch über der Liebe zwischen Marita und Anthony zieht ein Schatten auf: Slade, ein aus Samoa stammender GI, zieht Anthony in dubiose Geschäfte hinein und macht ihn, der seinen kranken Vater in den Staaten unterstützen muss, erpressbar. So erklärt Anthony Marita, dass er nach seinem Heimaturlaub nicht mehr nach Deutschland zurückkehren wird ...

"Mein GI für einen Sommer" ist nicht nur wegen Paula Dreysers flüssigen Schreibstil schön zu lesen, sondern auch die Protagonisten sind sehr sympathisch und spannend. Auf der einen Seite sind Marita und Sophie, junge Mädchen in ihrer Zeit mit Clogs und Dauerwelle, die zum ersten Mal verliebt sind und schon fast komplotthaft das nächste Date planen. Undurchdringlich und unnahbar erscheint Anthony, der seine deutsche Freundin an sich heranzieht und sie gleichzeitig auf Distanz hält. Er ist gewiss kein glatter Charakter, doch genau das macht seine Rolle spannend und interessant. Darum wäre es auch zu einfach zu sagen, er spielt mit Maritas Gefühlen.
Paula Dreyser versteht es, ihre Leser in ein Jahrzehnt zurückzuführen, das sie vielleicht nicht selbst erlebt haben. Das Lebensgefühl der 1970er Jahre umweht einen wie das Baumwollkleid der Schwimmbadbesucherin zur entfernten Hippie-Hymne "If You're Going to San Francisco" gleich zu Anfang, doch Flower Power ist schon wieder Vergangenheit. Dafür erinnern wir uns an Palästinensertücher, verrauchte Kneipen, "Smoke on the Water", den Sieg Helmut Schmidts bei der Bundestagswahl und - hier schließt sich 40 Jahre später der Kreis - die EG-Erweiterung mit dem Vereinigten Königreich und der Idee, ein Europaparlament direkt zu wählen.

40 Jahre später, im Jahr 2016, finden sich Marita und Anthony über eine deutsch-amerikanische Facebookgruppe wieder. Mit der Jetzt-Zeit erlebt Marita ihre eigene Unsicherheit in einem verunsicherten Land, der Brexit, die scheinbar verlorene Idee des Vereinten Europas aus den 1970er Jahren, die Silvesternacht und das Aufkommen neuer rechtsradikaler Strömungen bereiten ihr, wie allen, Sorgen. Da scheint die Erinnerung an eine langsamere, überschaubarere Zeit und das Wiedersehen mit Anthony eine willkommene Atempause.

Ein kurzer wie auch kurzweiliger Roman über die erste Liebe und ihr Risiko, über Verstrickungen und scheinbare Auswege, und  über einen langen und heißen Sommer am Rhein.
 

Monday, July 18, 2016

Schreibtagebuch: Alchemie

Das Projekt (vorläufig) namens "Der Kandidat - Fast ein deutsches Märchen" hat die 300-Seiten-Schallmauer durchbrochen. Mein Ziel, die Erstfassung bis zum Herbst zu vollenden, könnte ich erreichen. Alles andere ist Alchemie.

Ich merke, dass "Der Kandidat ..." ein besonderes Buch wird. Ich habe viele Geschichten erzählt und viele Protagonisten in schwierige und auch schöne Situationen gebracht und war bei ihnen. Doch Arnes Geschichte ist ein Teil von mir. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken, wenn die Intrige gegen ihn läuft und die Paparazzi nur darauf warten, dass er "Dinge sagt und Dinge tut, die er bereut". Aber ich fühle sie nach. Es ist insgesamt eine neue, spannende Erfahrung, einen Mann in den Vordergrund zu stellen und größtenteils aus seiner Sichtweise zu schreiben. 
Arne gehört zu der Spezies Mann und Politiker, wie sie heute leider am Verschwinden ist. Markige Sprüche, hemdsärmliges Auftreten, durchaus mal charmant, ein Zigarillo, ein Drink am Abend. Auch deswegen kollidiert er mit dem Zeitgeist der glatten Oberflächen - was ihn zu einer inspirierenden und angenehm menschlichen Figur macht. 
Wenn ich an einer Stelle hänge, muss ich raus. Dann kann ich euch wieder von Berlins Füchsen und Krähen erzählen. Mehr als metaphorisch!


Besonders ist auch, dass ich parallel zur Jahreszeit schreibe. Das erlebe ich zum ersten Mal, weil es sich so ergeben hat. Sollte wohl so sein. Vor einem Jahr hatte ich einen Traum von eben dieser Geschichte. Es gab ein Prequel von 2013, aber ich hatte lange keine Ahnung, wie ich die eigentliche Handlung beginnen lassen sollte. Also habe ich im September letzten Jahres begonnen, die Handlung setzt ebenfalls im September ein. Es hilft weiter, belämmert aus dem Fenster zu schauen, rauszugehen, wenn mir die Überleitung zur nächsten Passage nicht einfällt und dabei - abrakadrabra- wieder die Kulisse der nächsten Szenen einsauge. Dabei nehme ich den Himmel, die Farbe der Blätter, einen roten Apfel an einem kahlen Ast, den Geruch von nassem Schnee und einen verregneten Sommer mit in mein Manuskript. Da ich öfter in Berlin bin, baue ich ein, dass die Stadt im Winter zugig und nasskalt ist und im Sommer schwül und heiß. Genau die Stimmungen braucht diese Geschichte. Es gibt in der Hauptstadt auch viele Füchse und Nebelkrähen. Das sind Metaphern. Ich denke, "Der Kandidat ..." wird nicht nur reich an Handlung, Fakten und Figuren sein, sondern auch an Bildern.

Was seit dem vorherigen Special geschah: In der schwülheißen Berliner Atmosphäre kommt zum letzten Mal der Bundestag vor der Wahl zusammen. Es kommt nochmals zum rhetorischen Schlagabtausch zwischen Kanzlerin und Arne. Bevor seine Wahlkampftour beginnt, bekommt er noch zwei Tage für sich und Gesa.

Das nächste Mal geht es los und der Sommer wird heiß. Jedenfalls im "Kandidaten ..."


 

Wednesday, June 29, 2016

Davids Kanarienvögel, oder: Das verspielte Land

" ... Die ganze Welt sieht auf uns. Sie sieht auf unser Land und sieht zu, wie es verwahrlost ..." 

Stellt Hester 1985 in "Cold Britannia" fest, geht es um das Ende des Kohlebergbaus in ihrer nordenglischen Heimat und den Niedergang eines Landes. Doch sie könnte diese Worte im Juni des Jahres 2016 sprechen. 
Nehmen wir an, Hester ist inzwischen eine Mittfünfzigerin, nach wie vor engagiert. An diesem Abend ist sie Wahlhelferin und zählt die Stimmen aus, wie Sherthorpe beim Referendum abgestimmt hat.
In Anspielung auf das Kapitel "Maggies Kanarienvögel" im Roman lautet der Titel dieser Kurzgeschichte "Davids Kanarienvögel".

Thursday, June 2, 2016

Schreibtagebuch: Zwei Bücher und virtuelle Spielwiesen (inklusive kleine Leseprobe)

Hallo von meiner Seite!

Ich musste dringend Urlaub machen. Urlaub vom Schreiben. Ausgerechnet ich habe eine Auszeit von meiner liebsten Beschäftigung gebraucht.
Ich hatte in der Woche davor das Gefühl, ich sitze zu nah an der Delbrück-Saga dran und bin geistig bereits in der Schlussszene. Die habe ich übrigens schon geschrieben. Wenn ich an einer Stelle nicht weiterkomme, springe ich zu einer Szene, die ich bereits im Kopf habe. Erstens, um ja nichts zu vergessen, bis ich dort bin. Zweitens, um die Stelle, an der die Handlung hängt, wieder in Bewegung zu bringen. Jedes weitere Wort, das seinen Weg tief aus der Seele in die Tastaur und ins Manuskript findet, würde mich näher zum Wahlabend bringen. Doch da will ich noch nicht sein, sondern den Weg zum Ziel genießen. Vor allem, wenn man für seine Protas brennt und das, was sie tun und wie sie sind, möchte man noch ein bisschen bei ihnen verweilen.
Neben dem "Kandidaten ..." habe ich mit "Nachtland" begonnen, dem gemeinsamen Projekt mit Nele. Ich durfte gleich die erste Szene schreiben. Wie bei jedem Buch zuvor saß ich zunächst einmal da und überlegte mir den Einstieg. Das heißt, die Protagonisten erst einmal vorstellen. Da bietet sich für Christine ein Abendessen bei einem befreundeten Ehepaar an. Klar, dass sich die Gespräche um Christines Sohn Adrian, ihre gescheiterte Ehe und die innenpolitischen Entwicklungen drehen. Auch in Nachtland stehen Wahlen an - und die rechtspopulistische EPD gewinnt an Land ...

Ich hatte den nötigen Abstand und keinen Laptop dabei. War auch gut so, denn die Ideen, die mir zu beiden Büchern gekommen sind, brachten und bringen neue Inspirationen. Gerade habe ich ein weiteres Kapitel im "Kandidaten ..." beendet und den Übergang zum nächsten, das etwas mit Abrechnung zu tun hat, gefunden. 
Gesa, die "nie die großen Reden gehalten hat, die sie wollte", wird auf die Bühne gebeten. Ihr Auftritt soll die Sympathiewerte ihres Mannes steigern. Zuerst redet sie ein wenig über ihre Ehe. Aber Gesa ist alles andere als die unsichtbare Politikergattin. Über die Wochen und Monate hat sich einiges in ihr angestaut - und sie ahnt längst, wer hinter der Kampagne gegen Arnes Kandidatur steckt. Sie rechnet öffentlich mit Medien und Mächtigen ab ...



Berlin. Das Versprechen eines warmen Sommertags brach. Am westlichen Himmelsrand knäuelten sich dunkle Wolken. Unter dem Bühnendach wurde die Luft heißer und klebriger.
          Arne X wartete hinter der Bühne. Neben ihm stand Gesa. Sie wirkte gefasst, obwohl ihr Herz heftig klopfte. Kurz vor dem Auftritt begann sie, die Aufregung zu spüren. Er sollte ihre Gelegenheit sein, offen zu sprechen. Die Rede halten, die sie niemals gehalten hatte. Als die Frau des Kanzlerkandidaten. In schlichter Bluse, die Haare aufgesteckt, die Lippen rot. Sie war bereit.
          Draußen auf der Bühne beendete der Vorsitzende seine Rede.
    „Es sollte dieses Mal kein Konvent sein, auf dem nur heiße Wahlkampfreden gehalten werden“, schloss er.
          Er setzte mit dem Mikrofon in der Hand einige Schritte zwischen den beiden leeren Stühlen auf der Bühne. Dabei schwitzte er in seinem Anzug. Durch die Reihen ging erheitertes Lachen.
          „Die Wahlkampfreden kommen noch und die darf unser Kandidat noch viele Male halten. Heute kommt er in Begleitung seiner Frau.“
          „Vielen Dank, lieber Sigurd E“, sagte der Moderator. „Jetzt darf ich Arne X und seine Frau Gesa begrüßen.“
          Das war ihre Ankündigung. Die Delegierten standen auf. Applaus, Applaus. Er donnerte in Gesas Ohren. Arne nahm ihre Hand. Ihr Moment kam. Sie betrat mit ihm die Bühne. Der Vorsitzende spendete Beifall, reichte ihr die Hand und setzte sich in die erste Reihe. Ein Blick über die Schulter, sie klatschten auch ihretwegen. Sie sandte ein Lächeln zurück, groß und strahlend. Sie winkte ihnen zu. Es war Zeit, dass sie die Bühne einnahm. Es war Zeit für die Rede, die sie nie gehalten hatte.
          Sie nahm ihrem Mann gegenüber Platz. Der Moderator reichte ihr das Mikrofon. Sie tauschte einen Blick mit ihrem Mann. Ihr Herz schlug heftiger.
          Schluss mit der Manipulation. Ich werde sagen, wie es ist.

Sunday, May 15, 2016

Blogtour "Lizzis letzter Tango" von Anja Marschall: Unkonventionelle Menschen und was unterscheidet sie von anderen?



Was sind unkonventionelle Menschen? Vielleicht kann jemand Beispiele aus Film, Musikbranche, Literatur oder Gesellschaft nennen, den er "unkonventionell" nennen würde. Oder sie fallen uns im Straßenbild oder im Bekanntenkreis auf, weil sie anders leben, sich anders geben, kleiden, oder einen Hang zu Körperschmuck jeder Art haben. Oder sie arbeiten bei Lidl an der Kasse, obwohl sie mit einem Hochschulabschluss eine qualifiziertere und besser bezahlte Arbeitsstelle finden können. Sie hören aus ihrem Unfeld: "Warum hast du nicht ...? Warum machst du nicht ...? Warum bist du nicht ...?" Freaks, das wäre ein anderes Wort.

Zunächst einmal die Definition des Worts "unkonventionell". Es leitet sich von "Konvention/en" ab. Das sind die gesellschaftlichen Skripte, Regeln, Verhaltensweisen, die den Umgang miteinander regeln. Konventionen wandeln sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Dabei können Konventionen als Einschränkung von individuellen Rechten und Möglichkeiten betrachtet werden. Wer sich gegen die Konventionen verhält, ist unkonventionell.

Insgeheim werden unkonventionelle Menschen beneidet und bewundert, dass sie sich über die Norm hinwegsetzen. Doch dabei wird vergessen, dass es Kraft, Anstrengung, Nerven und manchmal auch Freunde und familiäre Beziehungen kostet, nach seinem eigenen Herzschlag zu leben. Der eigene Herzschlag setzt sich den Begrenzungen der Konventionen entgegen. Oft handeln, denken und leben Menschen aus Freundes- und Familienkreis nach dem Mainstream und ordnen sich der Herde ein, weil es bequemer ist.

Manchmal haben auch die unkonventionellen Menschen, über die ich schreibe und die ich kenne, Brüche in ihren Biographien. Sie sind auch einmal gescheitert, doch das Scheitern hat sie nicht an sich zweifeln, sondern stärker gemacht. Aus dieser Erfahrung können sie auch schöpfen. 

Lizzi, die Heldin des Buchs, ist ein unkonventioneller Mensch. Sie lebt in einer teuren Seniorenresidenz am Hamburger Elbufer. Eine ehemalige Fleischereifachverkäuferin, die mit reichen Witwen und betagten Herren aus dem hanseatischen Geldadel unter einem Dach lebt. Im Gegensatz zu ihren Mitbewohnern musste sich Lizzi im Leben immer durchschlagen und hat einiges erlebt, wovon die anderen abgeschirmt waren. Natürlich eckt sie bei ihnen, und auch bei der Heimleiterin, nicht nur wegen ihrer Herkunft an, sondern auch mit ihren Hobbies, insbesondere ihrer Leidenschaft für den Tango. Schließlich sollte eine Dame, die die 70 Jahre längst überschritten hat, einfach nur dasitzen, aus dem Fenster schauen und mit ihresgleichen zu plaudern. Im übrigen, was verschlägt jemanden wie Lizzi, die vermeintlich nicht den nötigen finanziellen Hintergrund hat, in die Luxus-Seniorenresidenz? Seltsam, dass sie ihre Monatsmiete zuverlässig bar bezahlt ...     

Zur Rezension geht es hier weiter 


Friday, May 13, 2016

Rezension "Lizzis letzter Tango" von Anja Marschall



Als Teilnehmerin an der Blogtour zu "Lizzis letzter Tango" hat mir der Aufbau-Verlag freundlicherweise ein Rezensionsexemplar des Buchs zur Verfügung gestellt. Dafür möchte ich mich auf diesem Weg ganz herzlich bedanken!
Ich möchte mich auch bei der Autorin Anja Marschall für die kurzweilige, spannende und teilweise auch heitere Krimigeschichte um die umtriebige Seniorin Lizzi und den Kripo-Beamten a.D. Ewald Pfeiffer bedanken. Nun zu meiner Rezension.

Eigentlich passt die Witwe Elisabeth Böttcher, genannt Lizzi, nicht in den noblen Seniorenwohnpark "Hanseatica" in Hamburg-Blankenese. Sie war Fleischereifachverkäuferin und lebte mit ihrem kleinkriminellen Ehemann in einer bescheidenen Wohnung. So mutet es seltsam an, dass Lizzi die teure Monatsmiete pünktlich und bar bezahlen kann. Immer flüssig zu sein eint sie mit den Damen und Herrschaften aus dem hanseatischen Geldadel, die hier ihren Lebensabend verbringen. Es ist auch das einzige. Durch ihre unprätentiöse Erscheinung und ihre direkten Art eckt Lizzi nicht nur bei ihren Mitbewohnern, sondern auch bei der Heimleitung an.

Doch woher hat Lizzi so viel Geld, um sich die Miete für ihr Appartment mit Elbblick leisten zu können? Ihr verstorbener Mann hat drei Banken überfallen und sie hütet nun die Beute. Bis ihre Tochter Andrea ihren neuen Freund mitbringt und mit ihm das Geld verschwindet. Während die Jagd auf den Dieb beginnt, geschieht auch noch ein Mord in der Seniorenresidenz "Hanseatica" ... Zu dritt machen sich Lizzi, Pfeiffer und die alleinerziehende Altenpflegerin Mareike auf die Spur nach Geld und Mörder. Eigentlich war Pfeiffer hinter Lizzi und der Beute ihres verstorbenen Mannes her. 



Das Cover verrät bereits, dass es sich um eine sehr rüstige, wie resolute ältere Dame handeln wird. 
Der Schreibstil ist angenehm zu lesen und humorvoll, die kurzen Kapitel machen Lust, dranzubleiben und erhalten die Spannung. Die Figuren, besonders Lizzi, sind authentisch und realistisch. Zwar bedient sich die Autorin des Klischees "abgehalfterter, knorriger Bulle", aber Pfeiffer passt dadurch gut zu Lizzi.

Ich gebe dem Buch solide 4 Sterne und eine Leseempfehlung für die, die außergewöhnliche Krimis mit großem, überraschendem Finale mögen.