Tuesday, September 20, 2016

Alle Wege führten in Downing Street 10 - Gerechtigkeit für Orgreave

März 1984:
"Du könntest für mich schreiben und den Leuten draußen erklären, wer diese Gewerkschaftsführer sind und welche Ideen sie haben", bittet der Wirtschaftsboss Alan Delaney die Journalistin Phyllis Bundle in Cold Britannia. "Keine Zeitung ist heutzutage unabhängig. Das Volk glaubt, was es sieht, hört und liest."

Zur Erinnerung: 1984 kündigte die Regierung Margaret Thatcher die landesweite Schließung von Kohlezechen an, nachdem sie drei Jahre zuvor mit der Abwicklung von British Steel die Wirtschaft des Landes bereits entgratet und für den Anstieg der Arbeitslosigkeit gesorgt hatte. Ein Jahr lang traten die Bergarbeiter in den Streik, der zum Teil zu blutigen Auseinandersetzungen mit Polizei, Söldnern und Militär geführt hatte. Dabei fällt der Name Orgreave in der Grafschaft South Yorkshire, wo die Gewalt gegen die Streikenden eskalierte. Willkürliche Verhaftungen, massive Polizeigewalt, die in keinerlei Verhältnis zum Anlass stand - darauf gehe ich im Roman ein. Dabei will ich betonen, ich habe mir nichts aus den Fingern gesaugt, nur um möglichst viel Drama und Action reinzubringen, sondern mich auf Augenzeugenberichte gestützt.

"Fahr nach Orgreave, aber mach dir die Hände nicht schmutzig" - Alan Delaney zu Phyllis Bundle.

Eines war immer offensichtlich: Ein derartiger Aufwand an Polizei, Armee und auch Söldnern aus der rechten und Hooligan-Szene konnte - gepaart mit einer Medienkampagne gegen die Bergleute und ihre Gewerkschaft - nur von ganz oben betrieben worden sein. Oder zumindest gebilligt. Thatcher hatte Interesse, die Gewerkschaften zu zerschlagen, bzw, zu schwächen, dass sie ihre neoliberalen Privatisierungspläne nicht mehr durchkreuzten, und ihr ging es um den Machterhalt.

Nein, ich bin keine Verschwörungstheoretikerin. Ich würde mich als sachlichen, zurückhaltenden Menschen bezeichnen, der genau hinschaut. Nur wenn es um meine Protagonisten geht, bin ich auf deren Seite. Hester und James zahlen einen hohen Preis für ihren Mut, es mit einem weitaus überlegeneren Gegner aufzunehmen.

Also Orgreave. Ich bin dank einiger Tweets zu Cold Britannia mit einem Dave von der Orgreave Truth and Justice Campaign in Kontakt gekommen. Er bat mich, für ihn und seine Mitstreiter einen Beitrag aus dem Mittagsmagazin über den Miners' Strike und seine Folgen für die Region zu übersetzen. So erfuhr ich auch, dass die Geschädigten des Polizeieinsatzes - Verletzte, von der South Yorkshire Police willkürlich inhaftierte und misshandelte Gewerkschafter - über die Jahre und Jahrzehnte nicht nachgaben und Gerechtigkeit sowie Aufklärung der Ereignisse forderten. Eine Petition wurde an die damalige Innenministerin und heutige Premierministerin Theresa May übergeben, die bereit war, die Vergangenheit aufzurollen. Polizisten, die damals im Einsatz waren, sagten aus, sie hätten Order von "ganz oben" bekommen, die Streikenden aufzumischen. Und, ja, die Mehrheit der Medien machten mit und beteiligten sich an der Schmutzkampagne gegen Menschen, denen die Lebensgrundlage entzogen wurde.


Die Eiserne Lady ist inzwischen verstorben. Ob sie sich geäußert und bei den Opfern entschuldigt hätte?
Ich wünsche den Freunden der Orgreave Truth and Justice Campaign, dass sie ihr Ziel erreichen und verfolge weiter die Nachrichten aus England.

Friday, September 16, 2016

Schreibtagebuch: Durch ein dunkles Land

Arnes Reise endet. Vorläufig, denn nächstes Jahr werdet ihr dabei sein, wenn "Steenborgs Ritt" erscheint. Dann dürft ihr Arne und Gesa durch Deutschland begleiten. Ihr werdet die Antwort bekommen, ob die beiden am Ende ins Kanzerlamt einziehen, denn sie haben hart genug dafür gekämpft und mehr erduldet, als sie hätten müssen. Doch so ist es in der Politik, der "Kunst des Möglichen".

Ein Jahr und zwei Monate lang habe ich an einer Geschichte gearbeitet, die heraus wollte, weil sie tief in meinem Herzen lag. Jetzt heißt es Ende. Finale. Schluss. Oder? Noch ein Epilog, Deutschland, ein Jahr - und die Welt dreht sich weiter und die Geschichtsschreibung setzt sich fort.

Bevor ich erzähle, wie wir an "Nachtland" arbeiten, kommt noch einmal mit an Bord der Nordseefähre, die Arne in der frühen Herbstnacht zurück ans Festland bringt. Ein dunkles Land liegt vor ihm. Etwas dräut am deutschen Himmel und zeigt sich noch nicht ganz klar. Erste Begegnungen mit "besorgten Bürgern" hat Arne bereits gemacht und auch die Ansichten der Nichtwähler gehört.

Bald schlagen wir die Seiten um und finden uns in "Nachtland" wieder, denn zwischen der nicht allzu weit zurückliegenden Vergangenheit und der Zukunft liegt nur ein Atemzug. Die Schatten am Himmel nehmen Konturen und Substanz an.
Das ist der Ausblick auf den nächsten Roman. Bleiben wir noch eine Weile bei Arne und begleiten ihn nach Hause.

Kommen wir zu der Szene, in die ich euch hineinlesen lasse. Ich mag sie wegen der Atmosphäre und dem spärlichen Licht.




Im Norden wurde es bereits ab acht Uhr abends dunkel, als sollte niemand daran zweifeln, dass der Herbst den Sommer endgültig verdrängte. Die Fähre Richtung Festland schaukelte durch die Wellen der Nordsee und durch die Nacht.
          Arne blieb im Auto. Unter dem Schein des Innenlichts bereitete er sich auf den nächsten Tag vor, den Kugelschreiber zwischen die Finger geklemmt. Das Briefing für seinen nächsten Besuch, Presseberichte, das Geschehen in der Welt jenseits des Wahlkampfs und die neuesten Umfragen. Endlich holte er auf. Arne zeichnete mit dem den Kugelschreiber eine Linie zwischen dem Balken der Kanzlerin und ihm. Sie hatte von ihrer Beliebtheit eingebüßt und er dazugewonnen. Nur noch wenige Tage, um sie einzuholen. Das Schaukeln machte ihn müde. Er ließ seine Unterlagen auf den Schoß sinken.
Nach Hamburg, nach Hause, war es nicht mehr weit. Anlegen und dann runter von der Fähre. Durch die nordfriesische Provinz, an abgeernteten Feldern und Weiden mit stehend schlafenden Kühen vorbei. Zu Hause war nahe, das eigene Bett, und doch nie genügend Schlaf. Kein Schlaf bis zum Morgen nach der Wahl, und als was er dann erwachte. 
 Arne blickte in die Lampe. Das Plastik dimmte ihre volle Helligkeit. Er fasste in sein Jackett, das am Bügel über der Tür hing, und nahm sein Iphone. Gesa sollte wissen, dass er unterwegs war. Noch auf dem Meer, und doch heimwärts.

Monday, August 29, 2016

Schreibtagebuch: Ein deutscher Sommer und missbrauchtes Vertrauen

Schreiben ist wie eine Reise. Sie hat einen Anfang und ein Ziel. So ist es bei "Steenborgs Ritt", der bald endet. Ich habe Arne auf den Etappen seiner Deutschlandreise begleitet, durch Turbulenzen jeder Art, in der Luft, wie auch auf dem Boden der Realität.
Ich bin aktuell mitten im Wahlkampf, die Tour rollt durch den deutschen Sommer. Kilometer um Kilometer auf Autobahnen, Landstraßen, übers Meer zu den Nordseeinseln, auf die Bühnen der großen Städte und zu Besuch bei den Menschen auf dem Land. 
Mit etwas Wehmut habe ich das Ziel im Blick, das Wort um Wort klarer auftaucht, nämlich den Abend der Entscheidung. Die Dramaturgie des Finales läuft bereits in meinem Kopf ab. Da es aber keine Umwege geben darf, muss ich kürzen. So leid es mir tut, ganze Passagen fallen dem Copy and Paste zum Opfer. Vielleicht tauchen sie in einer anderen Form im nächsten Roman wieder auf?
 
Was bisher geschah, habe ich angedeutet. Arne ist auf Tour und Gesa begleitet ihn. Doch ausgerechnet Dieter Maroldt, der für das Nachrichtenmagazin "Panorama" schreibt, und seit Beginn des Romans Arne-Hater, ist mit an Bord und berichtet nicht gerade nett über den Kandidaten. Währenddessen treibt die Praktikantin Judith in Berlin in der Wahlkampfzentrale ihr doppeltes Spiel weiter, bis Vera einen Anruf bekommt. 

Machen wir doch einmal Station mit Arne und seinem Team, bevor es nochmal heiß hergeht ...




Kilometer um Kilometer legte der Bus auf Autobahnen zurück. Der Asphalt flirrte und spiegelte Hitzebilder. Entlang der Leitplanken wuchsen Goldruten. Immer wieder spendeten Wälder Schatten. Seen funkelten in der Sonne. Mähdrescher fuhren reife Kornfelder auf und ab und Wolken drifteten als Schatten darüber.
          Die Stimmung im Bus entsprach dem Sommertag. Vera Winter hörte über ihren Ipod Musik, während sie Zeitungen und Magazine las. Julian Markowski suchte auf seinem Ipod Berichte über den Kandidaten heraus. Die Journalisten, die Arne Steenborg dieses Stück begleiteten, scharten sich um ihn, lehnten in den Sitzen oder beugten sich zu ihm. Er antwortete auf ihre Fragen, machte launige Bemerkungen und brachte sie dazu, einmal zu lächeln. Nur Dieter Maroldt nicht. Das Fernsehteam filmte, Fotoapparate blitzten. Arne machte mit.
       An einer Raststätte, in der es nach scharfen Desinfektionsmitteln und Frittiertem roch, machte der Bus Pause. Der Fahrer wusch die zerplatzten Insektenkörper von der Windschutzscheibe. Arne stellte sich in den Schatten und rauchte. Er sah Vera nach, die mit einer Journalistin an litauischen und polnischen Lastwagen vorbei zur Raststätte ging. Er hatte sie gebeten, ihm etwas zu Essen zu besorgen, Currywurst oder was es gab. Sie zeichnete mit den Händen Figuren in die Luft, die Handtasche schaukelte mit ihren Schritten und sie plauderte mit der Journalistin, als sei sie ihre Freundin. Nebelkrähen segelten herab und stocherten mit den Schnäbeln in überquellenden Mülleimern herum.
          „Ich muss dir was zeigen“, sagte Julian und reichte ihm sein Ipod. „Das ist doch einmal nett.“
          Vera und die Journalistin waren verschwunden. Maroldt hielt sich weiter entfernt bei den anderen Reportern auf. Er nippte an seinem Kaffeebecher.
          Arne glaubte nicht daran, was er auf dem Bildschirm las.
          Honorare, Weinempfehlungen und jedes Wort wird Arne Steenborg im Mund umgedreht. Jede Geste wird gedeutet und ausgeschlachtet, um die nächste mediale Entrüstung zu inszenieren. Unter manchen Kollegen scheint das Steenborg-Bashing Hobby zu sein, ohne dabei zu überlegen, was wahr an manchen Behauptungen sein könnte. Es wird einfach draufgehauen, nachgelegt, denn mit keinem anderen deutschen Politiker lassen sich derzeit Klicks und Auflagen mehr steigern, als mit dem Kanzlerkandidaten. Ihm wird seine forsche Art negativ ausgelegt. Sind wir ihm dankbar, dass wieder Leben in den starren Berliner Politikbetrieb kommt …
          „Ja, wirklich nett“, sagte Arne und gab Julian das Ipod zurück. „Es soll Menschen geben, die es einem gut meinen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, Julian.“

Friday, August 19, 2016

Eine spannende und tiefgründige Kombination aus Science Fiction und Gesellschaftskritik: Rezension zu Alkatar

Facebook-Posts haben ihr Gutes: Ich bin auf die Einladung zu einer Leserunde der Autorin Anja Fahrner zu ihrem Science-Fiction Roman "Alkatar" aufmerksam geworden und habe mich beworben. Warum für dieses Buch? 
Die Inhaltsangabe verrät bereits, dass die Menschen im Jahr 2030, also in einer nicht ganz fernen Zukunft, die Erde an den Rand einer Katastrophe gebracht haben. Außerhalb unseres Sonnensystems ist diese Entwicklung nicht unbemerkt geblieben, also starten die Laurasier, entfernte Vorfahren der Menschen, eine Rettungsaktion, indem sie Freiwillige von der Erde für ein Projekt rekrutieren. Diese Menschen sollen auf dem Planeten Zadeg, der der Erde ähnlich ist, im Einklang mit der Natur leben, also von vorne anfangen. Es wird ihnen eine zweite Chance für eine Weiterentwicklung geboten, die Alkatar, der Protagonist, ein laurasischer Heerführer und Telepath, überwachen und begleiten soll. Doch schon bald wird er mit den Abgründen der Spezies Mensch konfrontiert. Als ein intergalaktischer Krieg Zadeg von der Außenwelt abschneidet, setzt sich eine dramatische Entwicklung in Gang ...



Der Roman ist in vier Teile aufgebaut. Im ersten Teil "Sumas" beschreibt Anja Fahrner Alkatars Heimatplaneten Sumas. Dessen Bewohnerinnen und Bewohner sind mit telepathischen Fähigkeiten ausgestattet und es herrscht ein Matriarchat. Auf den ersten Blick scheint das Leben auf Sumas archaisch, denn die Jagd und das Handwerk sind der Lebenserwerb und die Gesellschaft wird von einflussreichen Sippen bestimmt. Männer, die körperlich nicht stark genug sind, um in der Wildnis zu jagen und Kinder - vor allem Töchter als "Senderinnen" und "Koordinatorinnen" - zu zeugen, finden in ihnen keinen Platz. So bleibt ihnen wie dem Schmied Marzellus, Mitglied der Sippe der Magari, die Wahl, Handwerker in der Stadt Ousadap zu werden, oder schlimmer noch, dem schmächtigen Henschel, als Heimatloser auf Almosen zu warten.
Alkatar soll sich nach seiner Initation in Ousadap einer Sippe anschließen, doch im wahrsten Sinne des Wortes verschläft er den Anschluss. Nach einem Überfall Heimatloser wird er von Marzellus aufgepäppelt. Doch Marzellus macht ihm klar, Alkatar muss für ihn in der Schmiede arbeiten. Für den jungen Sumarer, der zum Jäger bestimmt ist, nicht leicht. Zu ungeduldig verrichtet er seine Aufgaben. Es ist auch die Rede vom Interplanetaren Bund, über den Marzellus ähnlich verständnislos schimpft wie bei uns die EU-Verdrossenen. So aber erfährt Alkatar, dass es außerhalb Sumas' noch mehr geben muss. Mit Henschel schließt er eine tiefe Freundschaft und bewegt ihn dazu, sich als Seelsorger beim Interplanetaren Bund zu bewerben. Beim Vorstellungsgespräch bei der Senderin Onida hört Alkatar außerdem, dass es Gleichberechtigung und eine fortschrittliche Gesellschaftsform gibt und wird neugierig.
Doch für Alkatar ist vorerst etwas anderes bestimmt: Er wird von der Sippe der Magari aufgenommen. Dort wird er angesehener Jäger, muss aber auch mit der herrischen Rachil eine Tochter zeugen, während seine Gefühle der sanften Meisha gelten, dessen Sohnes Vater er wird. In der Hierarchie der Sippe aber sind Gefühle und Liebe unerwünscht. Nach einem Jagdunfall verlässt Alkatar die Magari und wird Heerführer beim Interplanetaren Bund.

Der zweite und damit der kürzeste Teil ist der Erde gewidmet. Wenn die derzeitige Entwicklung, öknomisch, politisch und gesellschaftlich so weitergeht, könnte das Szenario, das die Autorin für das Jahr 2030 ansetzt, durchaus realistisch sein. Arbeitslose durchziehen das Land in Gruppen, um nach Essen zu suchen - stellt sich die Frage, ob nicht das kapitalistische System archaischer ist? Nur wer Arbeit und sozialen Status hat, gilt etwas. In Frankreich ist es zu Unfällen in Kernkraftwerken gekommen, die Strahlung hat viele Menschen krank gemacht. Es gibt kaum noch Wälder und mit dem Auto zu fahren, wird aufgrund der knappen Ressourcen unbezahlbar.
In dieser Gegenwart leben die Geschwister Stefa und der Neurobiologe Heinrich, bis sie den Aufruf erhalten, sich als Freiwillige für eine geheime Mission zu melden. Stefa ist eine zurückhaltende, schüchterne und introvertierte junge Frau. Sie flüchtet sich in eine Fantasy-Welt und sucht Trost bei ihrer einzigen Freundin und ihrem Kaninchen. Heinrich ist sehr dominant, nimmt ihr Entscheidungen ab und nennt sie "Stefchen". Die Mutter ist durch die Strahlung schwer krank und der Vater arbeitet schwer, am Feierabend hat er nur noch Interesse daran, sich vom Fernsehprogramm berieseln zu lassen. Stefa leistet ihr freiwilliges soziales Jahr in einem Krankenhaus und lernt bei ihren Patienten Einsamkeit, Krankheiten psychischer und physischer Art als Folge eines Systems kennen, in dem der Mensch nur noch mehr arbeiten muss, um noch mehr konsumieren zu können ...
Schließlich melden sich Stefa, Heinrich und dessen elitäre Freundin, die Chemikerin Ulrike zur Mission.

Bis zum dritten Teil vergehen 70 Jahre im Kälteschlaf, bis die Siedler den erdähnlichen Planeten Zadeg erreichen. Henschel kümmert sich um die Erde und auch fürs Erste um die Neuankömmlinge, während Alkatar ihnen als Wächter zur Seite steht. Die Einwohner Zadegs, die liebenswerten Wallnas, helfen den Menschen, einfache Hütten zu errichten. Ziel ist es, der Menschheit eine zweite Chance und der folgenden Generation die Rückkehr auf die Erde zu ermöglichen, wenn sie lernen, im Einklang mit der Natur und der Überwindung des Klassensystems zu leben. Nur zögerlich schließt Stefa Freundschaften, vor allem mit den Wallnas. Sie verehrt Alkatar und sieht in ihm den Helden ihrer Fantasy-Geschichten. 
Heinrich und Ulrike dagegen nutzen Stefa dazu aus, die Hütte sauber zu halten und zu kochen, während sie - unerlaubterweise - das den Menschen zugewiesene Tal für Expeditionen verlassen. Allmählich beginnen sich die beiden von den anderen Menschen abzuheben, beispielsweise durch ihre Kleidung und andere Abtrünnige gegen Alkatar zu finden. Sie verlassen die Siedlung und errichten eine neue, die sie "Gloria" nennen und jedem, der ihnen folgt, bessere Lebensbedingungen versprechen. Bald aber reicht Heinrich "Gloria" nicht mehr aus. Er und seine Anhänger beziehen die verlassene Festung Malatomb und benehmen sich wie die Herrscher, spielen mit Erbgut und greifen damit in die Schöpfung ein, was Alkatar zu seinem erbitterten Feind macht.
Durch die Freundschaft zu Alkatar verändert sich Stefa und wird mutiger und selbstbewusster. Etwas Besonderes kommt in der schüchternen Außenseiterin zu Tage ...

Im vierten Teil züchtet sich Heinrich eine neue Spezies, die "Simplen", die für ihn und seine Gesellschaft arbeiten sollen. Hier kommt sehr schön die Kritik an den Spielereien mit der Genetik und an einem System herüber, das Abhängige schafft und sie arm hält, damit sie sich nicht auflehnen. Die Zustände, so wie sie 2030 auf der Erde waren, sind unter Heinrich die gleichen, wenn nicht noch schlimmere geworden.
Jetzt gilt es, diese Entwicklung zu beenden, und für Alkatar ist klar, er muss Heinrich und seine Kreaturen beseitigen. In diesem Teil des Buches ist so klar herauszulesen, wie Alkatar der Bruch mit seinen Werten zusetzt, dass sich seine Sinne einschränken und er sich selbst fast aufgibt. Wird das ihm und Stefa gelingen, Heinrichs und Ulrikes Spiel zu beenden?  

Mein Fazit: "Alkatar" ist ein mitreißend und wunderschön geschriebener Roman. Ein großes Lob an Anja Fahrners bildhaften und lebendigen Schreibstil, dem es zu verdanken ist, dass ich das Buch fast in einem Zug durchgelesen habe. "Alkatar" unterscheidet sich aufgrund seiner Tiefgründigkeit und treffenden Kritik von den meisten Werken des Genres. Sätze wie "Die Spezialisierung würde eure Gemeinschaft töten, noch bevor sie wachsen konnte. Sie hat in euren unvollkommenen Gesellschaftssystemen zu einer Zweiklassengesellschaft geführt, zu einer Beschränkung der schöpferischen Kraft durch Zwang zu einseitigen, oft stumpfsinnigen oder sinnlosen Aufgaben bis hin zu einer Verkrüppelung ethischer und moralischer Werte. Hier in Tamyras wird sich keiner über den anderen erheben, weil er sich zu Höherem berufen fühlt. Ihr seid alle gleichgestellt." sind wahre Worte und sollten den einen oder anderen zum Nachdenken anregen.
Als ich das Buch beendet hatte, musste ich, um mit Alkatar zu sprechen, noch einige Zeit lang nachspüren. Aber lest es selbst ...

Saturday, August 6, 2016

Teenage Wasteland - Rezension "Mein GI für einen Sommer"

Es ist heiß im Sommer 1976 und man spricht vom Jahrhundertsommer, als die beiden Freundinnen Marita und Sophie von ihren GIs, Anthony und Rick träumen. Wieder ist der Schauplatz von Paula Dreysers Kurzroman "Mein GI für einen Sommer" das deutsch-amerikanische Millieu in Mainz.

Marita und Sophie sind zwei Teenager aus gutbürgerlichen Familien, in denen "anständige deutsche Freunde" erwünschter sind als amerikanische Soldaten und wo zum Fernsehabend der Käseigel aus Plastik neben der Platte mit Leberwurstschnitten kredenzt wird. Wenn sie sich mit dem Italoamerikaner Anthony und dem Hispano Rick treffen, sie an den Lee Barracks abholen, gilt es, sich nicht von tratschsüchtigen Nachbarinnen erwischen zu lassen. So erleben wir einen Sommerabend in einer Sportgaststätte am Waldrand, wo auch das Flair der 1970er Jahre spür- und erlebbar wird. Oder auch in Eisdielen, die den sehnsuchtsbehafteten Namen "Venezia" tragen. 
Doch über der Liebe zwischen Marita und Anthony zieht ein Schatten auf: Slade, ein aus Samoa stammender GI, zieht Anthony in dubiose Geschäfte hinein und macht ihn, der seinen kranken Vater in den Staaten unterstützen muss, erpressbar. So erklärt Anthony Marita, dass er nach seinem Heimaturlaub nicht mehr nach Deutschland zurückkehren wird ...

"Mein GI für einen Sommer" ist nicht nur wegen Paula Dreysers flüssigen Schreibstil schön zu lesen, sondern auch die Protagonisten sind sehr sympathisch und spannend. Auf der einen Seite sind Marita und Sophie, junge Mädchen in ihrer Zeit mit Clogs und Dauerwelle, die zum ersten Mal verliebt sind und schon fast komplotthaft das nächste Date planen. Undurchdringlich und unnahbar erscheint Anthony, der seine deutsche Freundin an sich heranzieht und sie gleichzeitig auf Distanz hält. Er ist gewiss kein glatter Charakter, doch genau das macht seine Rolle spannend und interessant. Darum wäre es auch zu einfach zu sagen, er spielt mit Maritas Gefühlen.
Paula Dreyser versteht es, ihre Leser in ein Jahrzehnt zurückzuführen, das sie vielleicht nicht selbst erlebt haben. Das Lebensgefühl der 1970er Jahre umweht einen wie das Baumwollkleid der Schwimmbadbesucherin zur entfernten Hippie-Hymne "If You're Going to San Francisco" gleich zu Anfang, doch Flower Power ist schon wieder Vergangenheit. Dafür erinnern wir uns an Palästinensertücher, verrauchte Kneipen, "Smoke on the Water", den Sieg Helmut Schmidts bei der Bundestagswahl und - hier schließt sich 40 Jahre später der Kreis - die EG-Erweiterung mit dem Vereinigten Königreich und der Idee, ein Europaparlament direkt zu wählen.

40 Jahre später, im Jahr 2016, finden sich Marita und Anthony über eine deutsch-amerikanische Facebookgruppe wieder. Mit der Jetzt-Zeit erlebt Marita ihre eigene Unsicherheit in einem verunsicherten Land, der Brexit, die scheinbar verlorene Idee des Vereinten Europas aus den 1970er Jahren, die Silvesternacht und das Aufkommen neuer rechtsradikaler Strömungen bereiten ihr, wie allen, Sorgen. Da scheint die Erinnerung an eine langsamere, überschaubarere Zeit und das Wiedersehen mit Anthony eine willkommene Atempause.

Ein kurzer wie auch kurzweiliger Roman über die erste Liebe und ihr Risiko, über Verstrickungen und scheinbare Auswege, und  über einen langen und heißen Sommer am Rhein.
 

Monday, July 18, 2016

Schreibtagebuch: Alchemie

Das Projekt "Steenborgs Ritt" hat die 300-Seiten-Schallmauer durchbrochen. Mein Ziel, die Erstfassung bis zum Herbst zu vollenden, könnte ich erreichen. Alles andere ist Alchemie.

Ich merke, dass "Steenborgs Ritt" ein besonderes Buch wird. Ich habe viele Geschichten erzählt und viele Protagonisten in schwierige und auch schöne Situationen gebracht und war bei ihnen. Doch Arnes Geschichte ist ein Teil von mir. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken, wenn die Intrige gegen ihn läuft und die Paparazzi nur darauf warten, dass er "Dinge sagt und Dinge tut, die er bereut". Aber ich fühle sie nach. Es ist insgesamt eine neue, spannende Erfahrung, einen Mann in den Vordergrund zu stellen und größtenteils aus seiner Sichtweise zu schreiben. 
Arne gehört zu der Spezies Mann und Politiker, wie sie heute leider am Verschwinden ist. Markige Sprüche, hemdsärmliges Auftreten, durchaus mal charmant, ein Zigarillo, ein Drink am Abend. Auch deswegen kollidiert er mit dem Zeitgeist der glatten Oberflächen - was ihn zu einer inspirierenden und angenehm menschlichen Figur macht. 
Wenn ich an einer Stelle hänge, muss ich raus. Dann kann ich euch wieder von Berlins Füchsen und Krähen erzählen. Mehr als metaphorisch!


Besonders ist auch, dass ich parallel zur Jahreszeit schreibe. Das erlebe ich zum ersten Mal, weil es sich so ergeben hat. Sollte wohl so sein. Vor einem Jahr hatte ich einen Traum von eben dieser Geschichte. Es gab ein Prequel von 2013, aber ich hatte lange keine Ahnung, wie ich die eigentliche Handlung beginnen lassen sollte. Also habe ich im September letzten Jahres begonnen, die Handlung setzt ebenfalls im September ein. Es hilft weiter, belämmert aus dem Fenster zu schauen, rauszugehen, wenn mir die Überleitung zur nächsten Passage nicht einfällt und dabei - abrakadrabra- wieder die Kulisse der nächsten Szenen einsauge. Dabei nehme ich den Himmel, die Farbe der Blätter, einen roten Apfel an einem kahlen Ast, den Geruch von nassem Schnee und einen verregneten Sommer mit in mein Manuskript. Da ich öfter in Berlin bin, baue ich ein, dass die Stadt im Winter zugig und nasskalt ist und im Sommer schwül und heiß. Genau die Stimmungen braucht diese Geschichte. Es gibt in der Hauptstadt auch viele Füchse und Nebelkrähen. Das sind Metaphern. Ich denke, "Steenborgs Ritt" wird nicht nur reich an Handlung, Fakten und Figuren sein, sondern auch an Bildern.

Was seit dem vorherigen Special geschah: In der schwülheißen Berliner Atmosphäre kommt zum letzten Mal der Bundestag vor der Wahl zusammen. Es kommt nochmals zum rhetorischen Schlagabtausch zwischen Kanzlerin und Arne. Bevor seine Wahlkampftour beginnt, bekommt er noch zwei Tage für sich und Gesa.

Das nächste Mal geht es los und der Sommer wird heiß. Jedenfalls in "Steenborgs Ritt" ...


 

Wednesday, June 29, 2016

Davids Kanarienvögel, oder: Das verspielte Land

" ... Die ganze Welt sieht auf uns. Sie sieht auf unser Land und sieht zu, wie es verwahrlost ..." 

Stellt Hester 1985 in "Cold Britannia" fest, geht es um das Ende des Kohlebergbaus in ihrer nordenglischen Heimat und den Niedergang eines Landes. Doch sie könnte diese Worte im Juni des Jahres 2016 sprechen. 
Nehmen wir an, Hester ist inzwischen eine Mittfünfzigerin, nach wie vor engagiert. An diesem Abend ist sie Wahlhelferin und zählt die Stimmen aus, wie Sherthorpe beim Referendum abgestimmt hat.
In Anspielung auf das Kapitel "Maggies Kanarienvögel" im Roman lautet der Titel dieser Kurzgeschichte "Davids Kanarienvögel".